Logo bundesweite gründerinnenagentur gefördert von:
Bundesministerium für Bildung und Forschung
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Bundesministerium für Wirtschaft und Technik
Logo ESF
Logo EU
 


Auf diesem Bild sehen Sie Gesichtsausschnitte von Frauen
   

Bärbel Gehlert


Bundesland: Sachsen
Datum: 19.06.2009
Profil: Bärbel Gehlert
Nachfolgerin
Frischemarkt Bad Schlema


„Man muss sich trauen und einfach machen“


Bärbel Gehlert übernahm 2006 den ehrenamtlichen Vorsitz der Genossenschaft „Frischemarkt Bad Schlema“ / Mehrere Auszeichnungen und ein Jahresumsatz von 500.000 Euro zeigen, dass man auch im Kleinen gute Geschäfte machen kann

Im Dezember 2005 war von heute auf morgen Schluss. „Penny“, der einzige Supermarkt in dem Kurort Bad Schlema, machte ohne Vorankündigung zu. Für die 5.500 Einwohner, die täglich 1.100 Gäste, die das Radonheilbad im Erzgebirge aufsuchen, und die Tagesausflügler, gab es keine Nahversorgung mehr. Der Niedergang der Ladenpassage, Anfang der 90er Jahre von einer bayerischen Investorengesellschaft errichtet und Stolz der Gemeinde, war längst zum Abschreibungsobjekt geworden, seit der Baumarkt und das Schuhgeschäft dicht gemacht hatten. Für die täglichen Einkäufe blieben das „Kaufland“ in Aue – drei Kilometer steil bergauf – oder der „Netto“-Markt in Niederschlema – zweieinhalb Kilometer steil bergab. Die Gemeinde schrieb sämtliche Discounter an. Doch alle winkten ab. Der Standort war nicht gewinnversprechend. Bad Schlema gehörte plötzlich zu den knapp achtzig sächsischen Kommunen ohne eigenen Lebensmittelladen. Es war ein Fernsehbeitrag, der Abhilfe versprach. Der Bürgermeister sah einen Bericht über einen genossenschaftlich organisierten Dorfladen in Bayern und dann ging alles rasend schnell. Er fuhr mit einer Delegation aus Gemeindevertretern nach Bayern, um sich den Genossenschaftsladen anzuschauen, auf einer Informationsveranstaltung wurde die Idee im Ort vorgetragen, in einer Haushaltsbefragung wurden die Kundenwünsche eruiert, im Mai 2006 zeichneten auf der Gründungsveranstaltung der Genossenschaft „Frischemarkt Bad Schlema“ 77 Einwohner Anteilsscheine in Höhe von 150 Euro. Fünf Monate später, am 19. Oktober 2006, wurde der „Frischemarkt“ eröffnet, das erste neue genossenschaftlich organisierte Lebensmittelgeschäft in Sachsen.

Wer etwas bewegen will, muss anpacken
Wenn Bärbel Gehlert, die ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft, daran zurückdenkt, kann sie es kaum glauben. Doch andererseits ist sie nur ihrem Motto treu geblieben: „Man muss sich trauen und einfach machen.“ Die 49-Jährige ist von Beruf Diplom-Ingenieurin für Textilverarbeitung und hat schon mehrmals neu angefangen. Viele Jahre hat sie die Kalkulationen in einem DDR-Textilbetrieb gemacht und nebenher drei Kinder bekommen. Nach dem Mauerfall hat sie für einen großen Finanzvertrieb aus dem Westen Bausparverträge und Versicherungen abgeschlossen, später als Verkäuferin in einer Tankstelle gearbeitet. Doch sie träumte von einem eigenen Geschäft. Als am Kurbad eine neue Einkaufspassage errichtet wurde, bewarb sie sich, 1999 eröffnete sie ihre „Stöberstube“, in der sie vorwiegend Schnitzereien aus dem Erzgebirge verkauft. Bald darauf wurde sie Vorsitzende der Händlergemeinschaft „PRO BAD Schlema“ und trat der „Freien Wählergemeinschaft“ bei, der auch der Bürgermeister angehört. Weil ihr das Schicksal ihres Geburtsortes am Herzen liegt, war es nur logisch, dass sie bei der Besichtigungstour nach Bayern ebenso dabei war wie bei den Verhandlungsgesprächen mit dem Besitzer des leer stehenden Supermarktes über die Mietkonditionen. Sie sprach mit Lieferanten, kümmerte sich um die Warenbestellungen und die Werbung, nahm Maß bei Regalen, Kühltruhen und Ladentheken, die ein Handelspartner in einem insolventen Markt aufgetrieben hatte. Das Wort Stress, auch wenn die Wochen vor der Eröffnung voll davon waren, gehört nicht zu ihrem Wortschatz. „Entweder man tut was oder man tut es nicht.“

Bei der Genossenschaft bedeutet Gewinn Nutzen für die Gemeinschaft
Der „Frischemarkt“, der mittwochs auch nach Hause liefert, hat 3.500 Artikel im Angebot, der Jahresumsatz liegt bei 500.000 Euro. „Ein großer Discounter würde uns auslachen“, sagt Gehlert. Doch darum geht es nicht. Die Genossenschaft hat eine Verantwortung übernommen. Für die Nahversorgung und auch für die drei fest angestellten Mitarbeiter und die zwei Markthelfer. Leiter vom „Frischemarkt“ ist ein Sohn von ihr, der gelernter Einzelhandelskaufmann und Handelsfachwirt ist. Der Bürgermeister, der im Aufsichtsrat der Genossenschaft sitzt, kannte ihn aus seiner Zeit als Lehrer und traute ihm mit seinen 26 Jahre die Aufgabe zu.

Das Unternehmen lebt von der direkten Beziehung zu seinen Kunden
Nur ein Jahr nach der Eröffnung wurde der erste Bürgerkonsum Sachsens als „Ausgewählter Ort 2007“ prämiert und Anfang 2008 als „Leuchtturm der Tourismuswirtschaft“. Diese Auszeichnungen sind aber kein Garant für ein Fortbestehen. Zwei Jahre nach ihrer Gründung stand die Genossenschaft wieder vor der Frage, wie sie kostendeckend und eines Tages gewinnbringend weitermachen kann. Täglich kommen im Schnitt 300 Kunden, die für etwa 10 Euro einkaufen. „Wir müssen dafür sorgen, dass es mehr wird“, sagt Gehlert. „Wir verlangen keine Einkäufe von 100 Euro, aber eine gewisse Treue.“ Den Ausschlag gab die außerordentliche Generalversammlung im Sommer 2008. Zu der erschien die Hälfte der jetzt 200 Mitglieder. Bärbel Gehlert und ihre Mitstreiter erlebten „so eine positive Stimmung und so viel Zuspruch“, dass der „Frischemarkt“ noch frischer und sein Sortiment erweitern wird. Die Zeichen stehen gut. Der Umsatz war nach der Generalversammlung nach oben gegangen.

Frischemarkt Bad Schlema eG
Marktpassage 23
08301 Bad Schlema
Tel.: (0 37 72) 39 53 16

Quellenhinweis: Barbara Bollwahn, Frauengenossenschaften – Genossenschaftsfrauen. Taz Verlags- und Vertriebs GmbH, Berlin 2008, S. 22 ff.



Zurück zur Übersicht


 
 
 
Thema des Monats September
Ingenieurinnen
 
Online-Registrierung
und Veröffentlichung:
 
Veranstaltung:
Sie möchten eine Veranstaltung veröffentlichen?


Sitemap|Kontakt|Impressum|Anwendungshinweise|Nutzungsbedingungen